Hof Bärlischwand

Seit wann gibt es den Namen "Bärlischwand"? Und woher kommt der Name? Ein Ausflug in die Geschichte, um diese Fragen zu klären, ist sehr interessant. Die Festschrift zum 75. Geburtstag von Hans Kläui " WAPPEN, ORTE, NAMEN, GESCHLECHTER" bringt Licht ins Dunkel.

In einsamer Gegend südlich des zürcherischen Weilers Rengerswil und hart an der Thurgauer Kantonsgrenze liegt am Fusse eines bewaldeten Steilhanges der Hof Bärlischwand. Der Name dieser schon im 14. Jahrhundert bezeugten Ansiedlung ist ein Musterbeispiel dafür, wie leicht oft eine Erklärung nach dem äusseren Anschein auf Abwege führen kann und wie wichtig es ist, für Ortsnamenforschungen auch die Lokalgeschichte beizuziehen.

Auf den ersten Blick möchte der heimatlich interessierte Beobachter bei Bärlischwand an einen Namen vom Typ "Schwand, Schwändi, Schwanden" denken, wie sie gerade im Hinterthurgau, im benachbarten Tösstal und im Toggenburg nicht selten vorkommen. Schwendi bei Au, Schwendihof bei Schlatt (ZH), Ottschwand und Lipperschwendi bei Bauma (ZH) und Ricketschwendi bei Mühlrüti (SG) sind nur einige Beispiele für diese Namengebung, die mit der einstigen Waldrodung zusammenhängt. Des weiteren könnte man im ersten Bestandteil von Bärlischwand eine Verkleinerungsform von "Bär" vermuten oder dann einen Familiennamen, weil ja ausgerechnet im Hinterthurgau ein Geschlecht "Berli, Beerli" vorkommt. Allein, all dies erweist sich als nicht stichhaltig!

Schon wenn wir die Wild'sche Karte des Kantons Zürich aus der Mitte des letzten Jahrhunderts betrachten, müssen wir stutzig werden. Dort heisst nämlich der Hof noch "Bärlischwanz", so dass sich zunächst die Frage stellt, ob Bärlischwand oder Bärlischwanz die richtige, alte und echte Form sei. Darauf geben uns die Urkunden und Akten der Archive Antwort, denn in ihnen findet man bis in das 18. Jahrhundert zurück Schreibungen wie Beerlischwanz oder Berlischwantz. Auch wenn man weiter zurückgeht, entdeckt man nur diese Form, so dass man zunächst einmal zur Einsicht gelangt, es handle sich bei dieser Hofbezeichnung um keinen der üblichen Namen auf -schwand.

Begibt man sich nun ins Mittelalter, so findet man in einem Lehenbuche des Klosters St. Gallen vom Jahre 1443 "den hof genannt 'Bergiswantz'". Damit steigen nun auch Zweifel daran auf, dass im ersten Teil wirklich das Wort "Bärli" oder "Berli" als Tier- oder als Familienbezeichnung vorliegt. Ein noch älteres St. Galler Lehenbuch vermittelt endlich die nötige Klarheit: Als im Jahre 1423 die ganze Herrschaft Breitenlandenberg mit der Burg, dem Meieramt über Turbenthal, den vielen Höfen im "Turbenthaler Gcbirge" und im Tal von Seelmatten als echtes Lehen an die Brüder Albrecht III. und Hermann IV. von Breitenlandenberg ausgegeben wurde, da befand sich unter den einzeln aufgezählten Stücken auch "das guot halbs, daz man nempt Beringers schwantz". Dieses halbe Gut Bärlischwand war schon zehn Jahre früher mit anderen Herrschaftsteilen an die Mutter der beiden Ritter, Verena von Ebersberg, verliehen worden, wobei man zugleich erwähnte, dass die andere Hälfte einem "Bick von Landenberg" gehöre. Damit aber wird alles deutlich, denn im Namensteil "Bärli-" lebt verstümmelt der Taufname Beringer weiter, der im adeligen Hause Landenberg im Mittelalter sehr gebräuchlich war. Zwar kann sich der Hofname nicht erst auf "Bick von Landenberg" beziehen, wiewohl dieser auch Beringer hiess. Es handelte sich aber bei ihm, den man als "bösen Bick" bezeichnete, um Beringer von Hohenlandenberg, der zur Zeit der Appenzellerkriege die Herrschaft Elgg besass und 1431 in Zürich wegen widernatürlicher Vergehen lebendig verbrannt wurde.

Das Gut Bärlischwand wird jedoch schon vor Bicks gewaltsam abgekürzter Lebenszeit erwähnt. Schon am 3. April 1364, als die Herren von Landenberg-Greifensee ihre Burg und Herrschaft Altlandenberg bei Bauma an ein Konstanzer Bürgergeschlecht verkauften, wurde unter den Zugehörden wörtlich aufgeführt: "Daz guot, daz man nemmet Beringers zagel, gilt zwen mut kernen, ain malter habern und fünf schilling Costentzer pfennig". Bärlischwand muss also seinen Namen schon von einem früheren Beringer von Landenberg empfangen haben, deren es bis in das 13. Jahrhundert zurück mehrere gab. "Zagel" ist nur ein älteres deutsches Wort für "Schwanz". Der ursprüngliche Name "Beringers Zagel" kommt in einer Lehenbuchnotiz von 1414 nochmals vor. Man wollte mit dieser Bezeichnung zum Ausdruck bringen, dass ein Beringer von Landenberg an abgelegener Stelle (was ja namentlich vom Tösstal aus gesehen zutrifft!) - eben ganz hinten am Schwanz - ein kleines Gut hatte dem Wald abringen lassen. Bärlischwand bildete ja nur einen der zahlreichen Rodungshöfe, wie sie im "Turbenthaler Pirg" rechts der Töss seit etwa dem 11. Jahrhundert angelegt worden sind, wobei sie der niederen Vogtei einer der landenbergischen Burgen unterstanden. Diese selbst waren mit allen ihren Zugehörden Lehen des Klosters St. Gallen.

Der Hof Bärlischwand, der also in den 1420er Jahren zur Hälfte dem unseligen Beringer von Hohenlandenberg, zur andern den Herren von Breitenlandenberg­ Turbenthal gehörte, wurde - wohl nach dem Feuertod des ersteren - von dem wohlhabenden Bauer Hans Fröwi zu Rengerswil gekauft. Dadurch löste sich das Gut aus der landenbergischen Grundherrschaft, und Fröwi empfing um Pfingsten 1443 vom Abte zu St. Gallen "den hof genannt Bergiswantz, mit siner zuogehördi, der gelegen ist zwüschent Spekk und Rengiswile, den er von den von Landenberg erkoufft hat".

So besteht also der Hofname aus demjenigen des adeligen Eigentümers Beringer und dem Worte Schwanz, als Bezeichnung eines abgelegenen Gutes. Als im Jahre 1427 die Grenze zwischen der von Zürich erworbenen Grafschaft Kyburg und der noch österreichischen Landgrafschaft Thurgau, bzw. der Vogtei Toggenburg einen Schiedsentscheid bereinigt und ausgemacht wurde, da nannte die Urkunde sehr summarisch als Landesscheide eine Linie vom Hörnli bis zur Burg Alt-Bichelsee. Man fragt sich darum, weshalb damals Rengerswil zum Zürcher Gebiet, Bärlischwand aber zum Thurgau gelangte, wo doch beide östlich der Wasserscheide lagen, die zugleich auch Pfarreigrenze war. Für Rengerswil gibt es eine Erklärung: Der Hof gehörte damals noch unter die niedere Gerichtsbarkeit der Herrschaft Breitenlandenberg, so dass man auch die Hoheitsgrenze darnach richtete. Bei Bärlischwand scheint man die Behausung und seine Bewohner stillschweigend zum Thurgau geschlagen zu haben. Es ist aber auch möglich, dass das Gut um 1427 und noch zur Zeit, als es Hans Fröwi kaufte, unbewohnt war und man erst später, als sich die hoheitliche Mark endgültig gefestigt hatte, auf thurgauischer Seite wieder ein Gebäude errichtete.

Das Beispiel des Hofes Bärlischwand aber zeigt, dass Ortsnamen nicht nach dem ersten Eindruck gedeutet werden dürfen, sondern dass man die ältesten urkundlichen Erwähnungen, aber auch die Geschichte von Recht und Grundbesitz beiziehen muss - denn auch die kleinste bäuerliche Siedlung besitzt oft eine recht vielschichtige Vergangenheit.

Quelle: WAPPEN, ORTE, NAMEN. GESCHLECHTER - Festschrift zum 75. Geburtstag von Hans Kläui
In Verbindung mit der Antiquarischen Gesellschaft Zürich, dem Verein der Freunde des Staatsarchivs Zürich und der Chronistengruppe Uster herausgegeben vom Verein der Freunde der Paul Kläui-Bibliothek Uster